Riskante Karrieren

Cover_300x426Rezen­sion

In der aktu­el­len Aus­gabe der Femina Poli­tica ist meine Rezen­sion des Buches “Ris­kante Kar­rie­ren. Wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs im Spie­gel der For­schung” von Heike Kah­lert erschie­nen, die ich hier doku­men­tiere:

Die vor­lie­gende Meta­stu­die ist aus dem For­schungs­pro­jekt „Wis­sen­schafts­kar­rie­ren: Ori­en­tie­rung, Pla­nung und Bera­tung am Bei­spiel der Fächer Poli­tik­wis­sen­schaft und Che­mie“ her­vor­ge­gan­gen, das Kah­lert von März 2008 bis Mai 2011 am Insti­tut für Sozio­lo­gie und Demo­gra­phie an der Uni­ver­si­tät Ros­tock gelei­tet hat.

Die zen­trale Fra­ge­stel­lung des For­schungs­pro­jek­tes fokus­siert die Sta­tu­s­pas­sage von der Pro­mo­tion in die Postdoc-Phase und wie diese aus­ge­stal­tet sein müsste, damit „Frauen ihre Wis­sen­schafts­kar­riere nach der Pro­mo­tion fort­set­zen (kön­nen)“ (5).

Erforscht wer­den die indi­vi­du­el­len, insti­tu­tio­nel­len und struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen, die für einen Abbruch oder eine Wei­ter­füh­rung der Wis­sen­schafts­kar­rie­ren von Frauen rele­vant sind. Grund­lage der Ana­lyse bil­den die Ergeb­nisse empi­ri­scher Stu­dien, Aus­wer­tun­gen ein­schlä­gi­ger wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur und Sekun­där­ana­ly­sen sta­tis­ti­scher Daten. Es wird eine Aus­wer­tung des aktu­el­len For­schungs­stan­des gelie­fert, deren Daten aus dem Jahr 2009 stam­men und sich auf deutsch­spra­chige Lite­ra­tur beschränken. Der Ana­lyse von Wis­sen­schafts­kar­rie­ren wird das Triaden-Modell von Rappe-Giesecke (2008) zugrunde gelegt. Das Modell ist einer­seits zur Reduk­tion von Kom­ple­xi­tät geeig­net und för­dert ande­rer­seits die Fokus­sie­rung auf das Zusam­men­wir­ken ver­schie­de­ner Fak­to­ren. „Kom­plexe Phä­no­mene wer­den so als das emer­gente Pro­dukt des Zusam­men­wir­kens von drei Fak­to­ren erklärt“ (21). Die Bevor­zu­gung eines Fak­tors zuguns­ten eines ande­ren Fak­tors wird vermieden.

Die Fak­to­ren ers­ter Ord­nung wer­den dabei in jeweils drei wei­tere Unter­fak­to­ren unter­teilt: Per­son (Lebens­ge­schichte, psy­chi­sches und bio­phy­si­sches Sys­tem), Pro­fes­sion (Wer­de­gang in der Pro­fes­sion, fach­li­che Qua­li­fi­ka­tion und défor­ma­tion pro­fes­si­onnelle) und Funk­tion (beruf­li­che Lauf­bahn, for­ma­ler Sta­tus und Auf­ga­ben, Beloh­nun­gen). Damit ist es mög­lich, die kom­ple­xen und dif­fe­ren­zier­ten Wir­kungs­zu­sam­men­hänge der gen­der­spe­zi­fi­schen Wis­sen­schafts­kar­rie­ren dar­zu­stel­len und zu ana­ly­sie­ren (27).

Der Stu­die wird zunächst ein Daten­über­blick über mehr­di­men­sio­nale Geschlech­ter­se­gre­ga­tion vor­an­ge­stellt. Deren Ergeb­nisse bestä­ti­gen, dass das deut­sche Wis­sen­schafts­sys­tem nach wie vor sowohl ver­ti­kal als auch hori­zon­tal nach Geschlech­tern segre­giert ist: Alles in allem müs­sen Frauen grö­ßere Hür­den über­win­den, um den Weg in eine wis­sen­schaft­li­che Lauf­bahn ein­zu­schla­gen und diese erfolg­reich ver­fol­gen zu kön­nen (94).

Die Kapi­tel der Stu­die sind ent­lang der Trias der Basis­fak­to­ren unter­teilt. Im Kapi­tel über per­so­nen­be­zo­gene Aspekte von Wis­sen­schafts­kar­rie­ren wer­den die Fak­to­ren Lebens­ge­schichte, psy­chi­sches und bio­phy­si­sches Sys­tem auf ihre Bedeu­tung für Ent­schei­dung und Aus­ge­stal­tung einer wis­sen­schaft­li­chen Lauf­bahn ana­ly­siert. Dabei beschreibt Kah­lert die „wis­sen­schaft­li­che Per­sön­lich­keit“ als grund­le­gend für das Funk­tio­nie­ren und für die Repro­duk­tion von Wis­sen­schaft. Sie ori­en­tiert sich an der männ­li­chen Bio­gra­phie mit bil­dungs­na­hem, west­lich gepräg­tem kul­tu­rel­lem Hin­ter­grund, beglei­tet von einer Part­ne­rin, „die ihm den Rücken frei­hält“ (167).

Die wis­sen­schaft­li­che Per­son ist „selbst­re­dend hete­ro­se­xu­ell“ (167) und in psy­cho­so­zia­ler Hin­sicht mit allen Attri­bu­ten aus­ge­stat­tet, die mit Erfolg asso­zi­iert wer­den (Selbst­ver­trauen, Selbst­be­wusst­sein, Leis­tungs­be­reit­schaft, Kraft, Aus­dauer, Gesund­heit etc.). Diese soziale Kon­struk­tion der wis­sen­schaft­li­chen männ­li­chen Per­sön­lich­keit ist äußerst wirk­mäch­tig und beein­flusst Selbst- und Fremd­bil­der, Privat- und Berufs­le­ben bei­der Geschlech­ter. Alle, die die­ser Nor­mie­rung nicht ent­spre­chen, erfah­ren Nach­teile bis hin zur Nicht­an­er­ken­nung ihrer wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen (167).

Bei den pro­fes­si­ons­be­zo­ge­nen Aspek­ten iden­ti­fi­ziert Kah­lert drei Fak­to­ren, wel­che die Wis­sen­schafts­kar­riere maß­geb­lich beein­flus­sen. Dazu gehö­ren ers­tens poten­ti­elle Unsi­cher­hei­ten bezo­gen auf Inhalte, Gestal­tung und Ziele von Prü­fun­gen und Sta­tu­s­pas­sa­gen, die u.a. durch den aktu­ell hohen Reform­druck auf­grund der inter­na­tio­na­len bil­dungs­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen her­vor­ge­ru­fen werden.

Das deut­sche Wis­sen­schafts­sys­tem kennt kei­nen dau­er­haf­ten Ver­bleib an Uni­ver­si­tä­ten oder For­schungs­ein­rich­tun­gen unter­halb der unbe­fris­te­ten Pro­fes­sur und damit der höchs­ten Sta­tus­hier­ar­chie. Dadurch ist die Ent­schei­dung für eine wis­sen­schaft­li­che Lauf­bahn mit einem hohen Risiko des „Schei­terns“ behaf­tet. Vor­ge­se­hen ist nur der Weg von der Pro­mo­tion über die Habi­li­ta­tion bzw. der Juni­or­pro­fes­sur auf einen Lehr­stuhl. Wobei die Optio­nen, außer­halb der Wis­sen­schaft eine beruf­li­che Kar­riere ein­zu­schla­gen, mit zuneh­men­der Qua­li­fi­zie­rung abnehmen.

Das Risiko des „Schei­terns“ und des Aus­stiegs aus der Wis­sen­schaft, so betont Kah­lert an ver­schie­de­nen Stel­len der Arbeit, ist aus­ge­spro­chen hoch und muss auf jeder Qua­li­fi­ka­ti­ons­stufe erneut abge­wo­gen wer­den (201, 232, 248).Als drit­ten Fak­tor, der mit der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung in der Wis­sen­schaft ein­her­geht, iden­ti­fi­ziert Kah­lert die défor­ma­tion pro­fes­si­onnelle, die darin besteht, dass eine Ent­gren­zung von Beruf und Pri­vat­le­ben den Wis­sen­schafts­ethos prägt. Poten­ti­elle stän­dige Ver­füg­bar­keit und immer­wäh­rende wis­sen­schaft­li­che Arbeit gehört zum Selbst- und Fremd­bild von WissenschaftlerInnen.

Als wich­tigste Ursa­che für die deut­li­che Unter­re­prä­sen­ta­tion von Frauen in Spit­zen­po­si­tio­nen der Wis­sen­schaft macht Kah­lert daher im Basis­fak­tor Wis­sen­schaft als Pro­fes­sion aus.

Die Dis­kre­panz zwi­schen den extrem hohen indi­vi­du­el­len Bil­dungs­in­ves­ti­tio­nen und den rea­len Chan­cen auf eine unbe­fris­tete Pro­fes­sur ist sehr hoch, denn die Anpas­sungs­leis­tun­gen an den wis­sen­schaft­li­chen Habi­tus sind für Frauen höher als für Män­ner, bei gleich­zei­tig nur brü­chig mög­li­cher Habitusausbildung.

Pas­sen Frauen sich zu wenig an die erwar­te­ten Ver­hal­tens­wei­sen an (z.B. dem domi­nan­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil), ent­spre­chen sie nicht dem wis­sen­schaft­li­chen Habi­tus. Pas­sen sie sich aber dem männ­lich gepräg­ten, wis­sen­schaft­li­chen Habi­tus an, irri­tiert ihr Ver­hal­ten eben­falls – durch die Abwei­chung von der Norm des weib­li­chen Habi­tus. Frauen zah­len daher einen deut­lich höhe­ren Preis – „bei deut­lich höhe­rem Risiko des Schei­terns“ (232).

Auch beim drit­ten Basis­fak­tor, den funk­ti­ons­be­zo­ge­nen Aspek­ten des Kar­riere­ziels Pro­fes­sur, mani­fes­tiert sich die Geschlech­ter­se­gre­ga­tion. Unsi­cher­heit durch Befris­tun­gen, der Zwang zur Mobi­li­tät und schmale Zeit­fens­ter für die Qua­li­fi­zie­rungs­pha­sen stel­len große Belas­tun­gen dar. Dies gilt ins­be­son­dere für Frauen, da vor allem ihnen bei der Ent­schei­dung für eine Fami­li­en­grün­dung das Ver­ein­bar­keits­ma­nage­ment zukommt. For­melle und vor allem infor­melle Alters­gren­zen erschwe­ren es zusätz­lich, den erwar­te­ten zeit­li­chen Vor­ga­ben zu ent­spre­chen (260). Hinzu kom­men Benach­tei­li­gun­gen bei der Ver­tei­lung von Res­sour­cen wie Stel­len­an­ge­bo­ten, Sti­pen­dien, Ange­bote wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen und Ein­füh­rung bzw. Pro­tek­tion in der Sci­en­ti­fic Com­mu­nity. Hier wir­ken u.a. die von Krell 2001 (2) nach­ge­wie­se­nen Wahr­neh­mungs­feh­ler wie der „Similar-to-me-Effekt“, der Hier­ar­chie­ef­fekt, der Kle­ber­ef­fekt oder all­ge­mein geschlech­terste­reo­type Zuschrei­bun­gen“ (295).

Die Stu­die bie­tet einen umfas­sen­den Über­blick zum aktu­el­len Stand der empi­ri­schen For­schung zum Thema Gen­der­se­gre­ga­tion und der Repro­duk­tion von Ungleich­hei­ten auf dem Feld der Wis­sen­schafts­kar­riere. Das zugrun­de­lie­gende Tria­den­mo­dell ermög­licht es, der Argu­men­ta­tion trotz der gro­ßen Anzahl von Ergeb­nis­sen empi­ri­scher Stu­dien, Aus­wer­tun­gen ein­schlä­gi­ger wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur und Sekun­där­ana­ly­sen sta­tis­ti­scher Daten zu fol­gen, ohne den Über­blick zu ver­lie­ren. Wirk­zu­sam­men­hänge und Mecha­nis­men von Ungleich­hei­ten und Repro­duk­tion von geschlech­ter­se­gre­gier­ten Wis­sen­schafts­lauf­bah­nen wer­den nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt. Die For­schungs­de­si­de­rate bie­ten zudem viel­fäl­tige Anknüp­fungs­punkte für wei­te­ren wis­sen­schaft­li­chen Erkenntnisgewinn.

Der blinde Fleck der Stu­die besteht m.E. darin, dass die gän­gige Hier­ar­chi­sie­rung im deut­schen Bil­dungs­sys­tem mit der unbe­fris­te­ten Pro­fes­sur als ein­zig mög­li­cher Krö­nung der Kar­riere unhin­ter­fragt als Norm über­nom­men wird. Das Aus­schei­den aus der Uni­ver­si­tät oder einer For­schungs­ein­rich­tung wird expli­zit als „Schei­tern“ der wis­sen­schaft­li­chen Lauf­bahn betrach­tet. Damit wird unbe­ab­sich­tigt eine nor­ma­tive Abwer­tung von Wis­sen­schaft­le­rIn­nen vor­ge­nom­men, die sich für eine (mög­li­cher­weise wis­sen­schaft­li­che) Kar­riere außer­halb der Uni­ver­si­tät oder einer For­schungs­ein­rich­tung ent­schie­den haben – also der über­wie­gen­den Mehr­heit der Postdocs.

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Heike Kah­lert, 2013: Ris­kante Kar­rie­ren. Wis­sen­schaft­li­cher Nach­wuchs im Spie­gel der For­schung. Opla­den, Ber­lin; Toronto: Ver­lag Bar­bara Bud­rich. 350 S., ISBN 978-3-86649-397-1.

Diese und wei­tere Bei­träge aus dem aktu­el­len Heft der Femina Poli­tica fin­den Sie auch als pdf-Datei auf der Home­page des Bar­bara Bud­rich Ver­lags.

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